DRM zurück in die Zukunft
In den letzten Tagen gab es einige interessante Äußerungen bezüglich DRM (digitaler Kopierschutz) und ich hab mir mal ein paar Gedanken dazu gemacht. Schließlich wird alles, was wir als Medien konsumieren über kurz oder lang digital in unseren Wohnzimmern landen. Die Frage ist, ob geschützt oder ungeschützt.
Das Ausgangsproblem ist, daß Inhalte nun auf einmal in digitaler Form beliebig oft kopiert werden können. Entweder vom Urheber oder von dem, der das Stück gekauft hat.
Für den Hersteller liegt auf der Hand, dass die reinen zusätzlichen Produktionskosten nahe Null sind. Für jede zusätzlich produzierte Einheit zu bezahlende Kosten sind sogenannte Grenzkosten. Nehmen wir nun noch folgendes Diagramm, um einen vollkommenden Markt zu illustrieren.
Vollkommen bedeutet, jeder hätte Zugang zum Markt und kann ohne Probleme kaufen und verkaufen. S steht für Supply (Angebot) und D für Demand (Nachfrage). Steigt der Preis, sinkt die Nachfrage und steigt das Angebot. Bei einem bestimmten Preis treffen sich dann beide Parteien bzw. ergibt sich dann eine Menge. Im Allgemeinen kauft man allerdings erst die Menge und dann bestimmt sich der Preis. Spielt hier aber keine Rolle.
Aus diesen beiden Zusammenhängen ergibt sich, das der maximal mögliche Preis für ein bestimmtes Produkt, den die Anbieter verlangen können, gleich den Grenzkosten sein muss. Jeder Anbieter, der etwas darüber liegt, würde sofort von der Konkurrenz unterboten. Den Preis nach unten zu senken kann man solange, bis die zusätzlichen Kosten, die genau für die zu verkaufende Einheit anfallen, erreicht sind. Alles darunter würde einen Verlust bedeuten und das Angebot würde fallen gelassen. Im Endeffekt bedeutet dies aber auch, das Unternehmen am vollkommenden Markt keine Gewinne mehr machen, da ihre Einnahmen (der Preis) durch die zusätzlichen Kosten (Grenzkosten) aufgefressen werden.
In der digitalen Welt liegen nun die Grenzkosten tatsächlich nahe Null (Serverkosten, etc)! Eigentlich zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit. Noch nie konnte etwas mit nur einem Mausklick vervielfältigt werden!
Nun schauen wir uns an, zu welchen Preis z.B. Musiktitel angeboten werden. In der Regel 0,99€, Alben für 9,99€ oder Filme für ebenfalls 9,99€. Sind hier die Grenzkosten gleich dem Preis? Wird ein Film verkauft und dann der nächste, kostet der übernächste immer noch 9,99€. Obwohl es ja immer noch der selbe (wenn nicht gar der gleiche!) Film ist, der irgendwo auf einer Festplatte liegt und nur nochmals abgerufen wird, kostet er genauso viel wie der Erste! Nachdem nun also zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte Produkte mit Grenzkosten von fast Null produziert werden können, sinkt nicht etwa der Preis mit jeder neuen Einheit auch in Richtung Null, nein er bleibt konstant. Mein Instinkt sagt mir, da muss was falsch sein.
Ist es natürlich auch, weil es zur Zeit keinen vollkommenen Markt für digitale Medien gibt. Durch das digitale Rechtemanagement, welches verhindert, das beliebige Käufer und Verkäufer zueinander finden, entsteht ein etwas merkwürdiges Bild. Man kann es eigentlich nicht Monopol nennen, da durch komplizierte Verflechtungen von Interessen der Verkaufsplattform, Rechteinhaber, Abspielhersteller und Käufer das simple Bild des Monopols (ein Anbieter - viele Nachfrager) verwischt wird. Der vollkommene Markt wird trotzdem nicht erreicht, da sogenannten Transaktionskosten existieren. Man sollte eigentlich annehmen, das diese im digitalen Zeitalter gesunken sind, aber man hat es geschafft, diese künstlich (vertraglich) hoch zu halten.
Würde ein Abschaffen des DRM die Transaktionskosten wieder senken und für einen vollkommeneren Markt sorgen? Sicher. Allerdings muss bedacht werden, das es nie viele Anbieter für ein Künstler geben wird. Naturgemäß hat ein Künstler mit einer Plattenfirma ein Vertrag…
Erfüllen sich damit aber die Sorgen der Plattenfirmen? Je nachdem! Sie werden sich auf jedenfall nach neuen Einnahmequellen umsehen müssen. Denn digital gibt es kaum Grenzkosten, der Verkaufspreis ist also fast Null. Wenn man seine fetten Margen behalten will, bzw. weiterhin Stars zu Millionären machen will, tut es schon weh!
Ist das ein einmaliger Vorgang in der Wirtschaftsgeschichte? Nein. Im OpenSource bereich funktioniert das schon lange! Unternehmen geben Software, die auch für Kosten gegen Null beliebig oft reproduziert werden kann, gratis weg. Wovon leben diese Unternehmen? Davon, wofür Sie wirklich Grenzkosten haben (oder einen Mehrwert schaffen) und das ist Service! Anpassung, Wartung, etc. involviert den Menschen und damit sofort positive Grenzkosten, für die man sogar etwas verlangen darf.
Für die Plattenfirmen bedeutet dies, nicht mehr für die Musikdatei Geld verlangen zu können, sondern für z.B. Konzerte, Poster und was weiß ich! Das sich dabei eine komplette Geschäftswelt umbauen muss ist klar. Aber das kann nicht Schuld der digitalen Medien sein.
Ein anderer Gedanke von mir ist, das z.B. Musik eigentlich schon immer mit einem Kopierschutz versehen war. Am Anfang war es eben ein physikalischer Schutz (die LP oder Kassette), nun ein digitaler. Macht das einen Unterschied? Während in Zeiten der LP nicht die Quantität beschränkt war, sondern die Qualität, ist es heutzutage die Quantität und nicht die Qualität. Ist das ein Problem des Kopierschutzes oder des Menschen. Was ist ihm wichtiger? Viele Kopien mit schlechter Qualität oder wenig Kopien mit immer gleicher Qualität? Ich zähle zu den Letzteren.
Zum Schluß noch eine weitere Idee. Alles dreht sich um Musik und Video. Im Bereich Bilder hat noch niemand sich für DRM ausgesprochen. Ist einmal ein digital gekauftes Bild auf dem Computer, kann es beliebig oft kopiert werden. Gibt es Tauschbörsen für Bilder?
Am Ende liegt es eben am Menschen, was ihm wichtig ist und was nicht.
Nachtrag: Bin noch auf eine interessante Seite des Juergen Nuetzel gestoßen. Er hält eine Vorlesung an der Uni Ilmenau über DRM. Am Ende der VL kommt er auf die “Superdistribution”/”PotatoSystem” zu sprechen. Da Dateien nun beliebig kopiert werden können, könnte ja auch jeder Käufer als Wiederverkäufer agieren und über ein Provisionsmodell geht Geld an den Käufer und an den ursprünglichen Internetshop. Ein interessanter Ansatz, wie ich finde.
Doch doch, auch die Bilder… Künstler rechnen ihre Bilder runter, bauen Wasserzeichen ein, etc. pp. Denn das Benutzen von „Webfunden“ wird im (semi-)professionellen Bereich durchaus mit gemischten Gefühlen betrachtet.
Anonymous | 00:05 on the 19th of Februar, 2007
Klar, aber man könnte ja auch Bilder mit DRM versehen. Aber nein, da reichen Wasserzeichen. Allerdings hat z.B. Four Music auch angefangen, Songs digital nur mit einem Wasserzeichen zu versehen und nicht mit einem generellen Kopierschutz.
CHR | 11:27 on the 19th of Februar, 2007