Die schüchternen Deutschen
Nach krankheitsbedingter Abstinenz kommt nun wieder Senf aufs Wurstbrot.
Mit Erstaunen nehme ich zur Kenntnis, wie unterschiedlich die Gemüter in Europa doch noch zu sein scheinen. In Frankreich gehen 3 Millionen Leute auf die Straße, weil Kündigungsbedingungen für junge Arbeitnehmer verschlechtert werden sollen und in Deutschland schreibt die Koalition aus SPD und CDU in ihr Vertragswerk, zukünftig allen Arbeitnehmer 24 Monate Probelaufzeit aufzuhalsen - und niemand juckt’s!
In Großbritannien demonstrieren die Leute, weil der Beginn der Durchschnitts-Rente heraufgesetzt werden soll - hier scheint das jeder als einigermaßen unumgänglich zu sehen. Denn auf den Straßen bringt das nur die Wenigsten. Vielleicht haben die Deutschen da echt einen Wettbewerbsvorteil gegen andere große europäische Länder. Es scheint, als sei uns Deutschen schon so lange eingebleut worden, wir müssten uns verändern, dass nun alles egal ist. Oder wir sind einfach nur zu faul um Autos anzuzünden…
Na dann geh schon. Los, raus mit dir, worauf wartest du noch: auf die Deutschen? Die gehen doch erst mit ihrem Adolf oder mit ihrem Helmut Honicker los. Also kann es nur eine Chance geben: du wartest nicht mehr auf uns oder auf irgendjemanden und schon gar nicht auf dich, sondern packst dich bei den Haaren, weg von diesem Fernseher mit seinen US-kritsichen Nachrichten, weg von diesem Monitor mit seinen elektrónischen Verlockungen. Ja nur raus mit dir an die frische Luft. Ich käme ja mit - wenn ich nicht so mit mir selbst beschäftigt wäre.
Hast du aber vielleicht nen guten Vorschlag, was sonst ging ausser Demo und Revolution oder blogbocken? Wäre doch mal interessant was da rauskommt, als auf den alten Kamellen rum zu lutschen, den Demos únd revos rocken doch schon lang nicht mehr und erst recht nur dann wenn es um die eigenen vier Wände und den fahrbaren Untersatz geht.
also shalon alechum mein freund aus der unendlichen ferne ff/0s
chico_paulito | 21:20 on the 28th of März, 2006
Um ehrlich zu sein, ging es mir eher darum, das die Reaktionen in GB und Frankreich mir fast schon zu heftig erscheinen und ich es viel toller finde, wie wir Deutschen “Reformen” einfach so hinnehmen - unbewußt damit uns vielleicht wieder flexibler dastehen lassen als andere Länder. Wenn wir erstmal Schnitte gemacht haben, haben wir vielleicht wieder eine Chance..So aus dieser Warte sehe ich das.
CHR | 13:58 on the 28th of März, 2006
Autsch. Das hätt ich jetzt nicht erwartet.
So wie ich das sehen kann sind die Proteste in Frankreich durchaus berechtigt.
Also ich denke im Moment ist niemand bei uns auf der Strasse, weil einfach nicht klar ist was ist Gesetz, was ist nur Vorschlag und wann soll das passieren. Also nenn mich uninformiert aber von Reformen merke ich noch nix (so gehts vermutlich vielen): Kommt nun Rente mit 67? Wird das Grundgesetz wegen der WM geändert? Darf ich bald keine Musik mehr von meinen Freunden hören? Mehr Atomkraft für alle? Bürgerversicherung oder Kopfpauschale?
Dass, wenn es hier soweit ist (und unfassbar Dämliches Gesetz wird) niemand was tun wird, ist doch typisch deutsch: Vom Untertan, zum Mitläufer, zum “Die da oben machen doch was sie wollen”-Ohnmächtigen, das Ergebnis ist immer dasselbe.
Dass das ein “Wettbewerbsvorteil” sein soll, zeigt eigentlich nur dass Demokratie nicht viel wert ist.
m. | 14:18 on the 28th of März, 2006
Ganz ehrlich - in meinem Blog möchte ich nicht denn Satz lesen, Demokratie sei nicht viel wert. Bitte merken!
Desweiteren bestreite ich ja nicht die Rechtmäßigkeit von Demonstrationen - die sind ja wohl gerade Ausdruck des Volkeswillen. Aber ob man sich deswegen prügeln muss mit Polizisten, die für die Politik eh nichts können und nur ihren Job machen?
Nun, muss sich unsere Gesellschaft verändern? Ja.
Und soll das innerhalb der Grenzen geschehen in denen wir Leben oder indem wir mal wieder etwas ganz Revolutionäres starten und daran nach ein paar Jahren krepieren? Die Geschichte gibt mir die Antwort!
Also entscheide ich mir für die bisherigen Grenzen (über den Inhalt kann man streiten) und in denen hat sich in Deutschland schon ein wenig verändert - ich hoffe, der größere Teil der Reformen geht auch noch über die Bühne. Und wenn man sich nun im innereuropäischen Vergleich anschaut, wo die Menschen gut bis sehr gut ausgebildet sind und wenig kosten! und die Verwaltung flexibler und internationaler geworden ist, dann ist das Deutschland! So zumindest meine Meinung. Ich verweis da gerne auf die Exportmeisterschaft. Und die Einsicht - so meinte ich Anfangs - in Veränderungen scheint mir in Deutschland eben größer zu sein als in Frankreich. Allerdings gepaart mit der von dir angesprochenen Passivität….Das sehe ich auch so. Nur diese Passivität, so meine Gedankenverlängerung, könnte sich als Positiv herausstellen. Dann nämlich, wenn andere Länder noch über Reformen streiten und wir die schon längst hinter uns haben.
CHR | 11:14 on the 28th of März, 2006
Dass du dich auf die Krawalle beziehst war bei mir so nicht angekommen. Die sind natürlich nicht in Ordnung, aber die kannst du als Demonstrant auch kaum verhindern. Das sind halt Leute die die Anonymität der grossen Masse ausnutzen. Wieviele Krawallmacher werden das sein? Um die die Studenten zu diskreditieren reicht das wohl kaum (macht ja auch keiner). Ohne das zu bewerten: Brennende Autos und Wasserwerfer im Einsatz sind allerdings auch Bilder um zu zeigen “da ist was los”.
Übrigens: Dass die Polizei ausschliesslich aus ehrbaren Menschen besteht, hab ich auch nur bis zu meinen ersten Demos gedacht. Da gibts durchaus auch welche, die den Konflikt suchen und z.B. unprovoziert Reizgas in die Menge sprühen oder dich mal unsanft zur Seite schieben.
zu “dass Demokratie nicht viel wert ist.”: Das hätt ich wohl besser formulieren sollen. Das war ne Schlussfolgerung. Denn wenn Passivität gut ist, dann ist Demokratie doch zweitrangig. Passiv kann ich auch in einer Diktatur sein.
Also so wie ich das sehe, waren unsere Politiker zu lange passiv, denn die Reformen die bei uns JETZT angegangen werden/wurden, hatten die z.B. Engländer schon unter Thatcher über sich ergehen lassen müssen, da ist in Westdeutschland nix passiert.
Aber weder in Deutschland noch in Frankreich oder England wird man wohl bestreiten dass man Änderungen braucht. Die Frage ist doch nur was für Änderungen. Und wenn man meint das ist Bullshit, was die Entscheider da vorhaben, dann muss man sich halt darüber beschweren und nicht das damit abtun “wenigstens ändert sich was”, also bitte.
Die Passivität hätte nur dann einen Vorteil, wenn auch die Änderungen (objektiv) richtig wären. Und da ich wie gesagt keinen Plan habe, was eigentlich wie geändert werden soll, kann ich das auch nicht weiter beurteilen.
Dass auf die Bürger mehr Beteiligung an Entscheidungsprozessen zukommt z.B. auf Gemeindeebene (was mal n echter Fortschritt wäre), kann ich jedenfalls nicht sehen.
m. | 16:57 on the 28th of März, 2006